Hallo Samedan! 870km thermisch mit der Libelle.

Ein guter Tag hat sich in der Woche schon am Montag angekündigt. Der Donnerstag schien schon gut zu werden, für den Freitag hatte ich ein richtig gutes Gefühl, labile Warmluft – das kannte ich schon von Pfingsten 2014, wo ich zum ersten Mal in der Schweiz war. Ich hatte recht viel zu tun in dieser Woche und so hab ich mich schon montags auf Freitag konzentriert. Mein Ziel für Freitag hat sich dann schnell herauskristalisiert: ein 750km Ziel-Rück-Flug in die Schweiz um mir das FAI 750km Diplom zu verdienen. Von Aigen aus ist ein 750km ZR in die Schweiz etwas tricky – man muss den Wendepunkt in ein thermisch schwieriges Gebiet bei Lenzerheide und den Piz Beverin setzen. Hier gibt es dann 2 Möglichkeiten: Entweder man fliegt in der Früh etwas nach Osten (20km), oder man setzt seinen Wendepunkt noch weiter hinaus, über Thusis hinaus in Richtung Vals.

Vals war übrigens auch der Wendepunkt von Jochen von Kalckreuth, der von Aigen aus 1972 einen deutschen Rekord mit 780km geflogen ist. Ein paar Tage vorher ist mein Vater übrigens mit Jochen von Kalckreuth einen Zielrück zum Reschenpass geflogen – als Vorbereitung für seinen Rekordflug – auch an einem ähnlichen Tag, laut Papa.

Am Donnerstag bestätigte sich dann schon der aufkommender Hammertag, der Donnerstag selbst schien noch nicht ganz so gut zu sein, zumindest im Osten war die Basis sehr tief – dies bestätigte auch mein Blick am Abend auf die geflogenen Leistungen an diesem Tag. Freitag in der Früh hatte ich dann noch kurz Zeit mit Papa ein paar Sachen zu besprechen. Er hat gesagt ich soll mal meinen ZR nicht in den Vordergrund stellen, da er meinte, dass es ab dem Flüelapass sicher schlechter werden würde. Und er sollte auch recht behalten.

So hab ich das Programmieren meines Nanos auch dann gelassen (was sowieso ein Mega-Aufwand ist auf dem Mac) und bin voller Vorfreude auf den Flugplatz gefahren. Andy war auch schon in den Startlöchern und wir waren recht flott beim Flugzeuge ausräumen und Segelflieger fertig machen. Schnell noch 40 Liter in die Libelle getankt – mit Wasser ist sie einfach ein ganz anderes Flugzeug, viel stabiler beim kurbeln und im Geradeausflug wie eine LS4.

Die ersten Wolken entstanden dann schon relativ früh um 9:30 lokal und so wurde es doch noch etwas stressig, ich zog die Libelle gleich direkt in die Piste und machte mich gleich bereit. Start 10:00 loc. – heuer schon zum dritten Mal so früh in der Luft. Ausgeklinkt in 1300 über Platz und schon begann ein kleiner Kampf – ich hätte keine Minute früher starten dürfen, ansonsten wäre ich abgesoffen. So verging auch schon die erste halbe Stunde in schwacher Thermik, bis ich endlich meine Abflughöhe von 2600MSL erreicht habe. Andy war zu dieser Zeit auch schon am Start und wir flogen gemeinsam am Mölbegg Richtung Westen ab. Die heurige Route im Blick ging es dann sehr zäh über Niederöblarn und Gumpeneck Richtung Hochwildstelle. Der Grat auf der Hochwildstelle ergab dann relativ schwaches Steigen, dieser Bart ging heuer schon viel besser! Weiter Abflug zum Grat bei Schladming und Weiterflug bis querab Obertauern. Dort den ersten stärkeren Bart mit ca. 1,7m ausgekurbelt genau richtig für die Querung zum Hochgründeck. Andy war zu diesem Zeitpunkt schon ca. 10km vor mir, diesen Vorsprung konnte ich dann bis Engadin nicht mehr einholen, ich hielt den Abstand aber immer ganz konstant. Weiter zum Honigkogel (eigentlich Hahneckkogel, aber der Honigkogel hat sich auch bei den Segelfliegern eingebürgert, vielleicht weils dort immer gute Thermik gibt…) – dort leider nix erwischt und so bin ich relativ tief auf der Schmittenhöhe angelangt.

Dort bin ich dann mit 5 Paragleitern unter einer Wolke relativ gut gestiegen, an der Basis war ich dann etwas verunsichert, ein großes blaues Loch zwischen Pinzgauer und Pass Thurn lag vor mir. Ein Arcus ist dann mit mir abgeflogen, ich hatte schon ein etwas mulmiges Gefühl, hab aber dann die hohen Wolken am Kreuzeck gesehen und bin dann mit MC 0,8 losgeflogen. Generell flieg ich eigentlich ungern nach McCready, meistens stell ich 1 oder 1,5 ein und fliege mehr intuitiv und versuche so viel Energie wie möglich mitzunehmen – ich glaube so kriegt man ein gutes Gefühl für die richtige Geschwindigkeit.

Ab Gerlos gings aber dann dahin. Basissprung von 600m und endlich bessere Steigwerte. Am Kellerjoch hab ich dann nochmal aufgekurbelt zusammen mit Gerhard Tomani mit seinem Nimbus 4DM aus Trieben und schon gings dank Transponder sehr schnell auf die Nordkette, wo ich aber kein richtig gutes Steigen fand. Andy war zu diesem Zeitpunkt schon bei den Miemingern und meldete über 3m Steigen. Noch einmal ein bisschen gekurbelt bei der Reitherspitze und weiter zu den Miemingern. Ab hier fing der Tag dann an zu explodieren. 4.5m integriertes Steigen und gute Optik Richtung Tschirgant, Venetberg und Engadin. Genau diese Route habe ich dann auch eingeschlagen, jeder Bart brachte über 4m und so konnte ich meinen Schnitt ziemlich in die Höhe treiben. Zu diesem Zeitpunkt war mir das auch noch nicht ganz bewusst, aber ab hier flog ich dann den schnellsten Schnitt den ich jemals geflogen bin. Mit durchschnittlich 115 kmh ging es vorbei an Fiss, im starken Steigen am Muttler nochmal aufgekurbelt auf 4400m MSL.

Hier hab ich bei meinem Flug 2014 umgedreht, heute gings aber definitiv weiter. Am Morgen hab ich noch zu Andy gesagt, dass wir heute ins Engadin fliegen und so war es dann auch. Über Zernetz dann der Blick über den Flüelapass – Papa hatte Recht behalten – im Graubünden absinkende Basis von geschätzten 1000m, ein Weiterflug ohne Motor in dieses für mich neue Gebiet mit so tiefer Operationshöhe wäre doch etwas mutig. Die Optik ins Unterengadin versprach aber tolle Verhältnisse, ca. 10km vor Samedan hab ich um 14:55 dann umgedreht, Andy kam mir entgegen, er hatte querab des Flugplatzes umgedreht. Die Wetterscheide am Malojapass war gut zu sehen, ab Samedan sank die Basis dann wieder erheblich ab, wir standen also an.

Und so gings dann zurück Richtung Heimat mit einem 47 Kilometer langen Geradeausflug – wir kurbelten erst vor dem Kaunertal wieder das erste Mal. Andy wollt schon wieder ins Inntal abbiegen, ich konnte ihn aber überzeugen, dass wir auf der Südroute bleiben, was eine goldrichtige Entscheidung war. Der Weg bis auf die Gerlos war kinderleicht, eigentlich hätten wir hier wieder umdrehen müssen und nochmal ins Engadin fliegen – so wäre auch vielleicht ein 1000er drinnen gewesen – klingt unglaublich, war aber durchaus realistisch bei einer Restzeit von fünfeinhalb Stunden und einem knappen 100er Schnitt.

Am Pinzgauer dann noch ein kurzer Durchhänger, wir haben dann aber super Anschluss gefunden bei den Drei Brüdern. Dort sind wir auch dann mitten ins Pulk des Sailplane Grand Prix gekommen, welcher grade in Niederöblarn stattgefunden hat. Um 18:00 bin ich dann direkt über Altirdning geflogen, Papa gratulierte mir schon über Funk, ich hatte 720km auf dem Rechner stehen (Samedan sind ca. 680km Zielrück von Aigen aus) und noch 3,5h zu fliegen. Im Osten sahs schon richtig böse aus, Überentwicklungen ab Trieben und so die Entscheidung von Andy und mir nochmal in den Westen zu fliegen.

Zu zweit haben wir uns dann nochmal bis zum Kleinarltal gekämpft, gerade am Abend zahlt sich der Teamflug richtig aus. Schön aufgefächert haben wir um 19:30 loc. nochmal mit 1,5m ausgegraben in den Tauern, was eigentlich ziemlich ungewöhnlich ist. Ich hatte immer noch minus 300m auf meinem Endanflugrechner stehen, beim Flug nach Hause (LOXA) hab ich dann noch ein paar schwache Bärte erwischt und ich habe gehofft die 900km noch vollmachen zu können. Fast eine Stunde könnten wir noch fliegen um diese Jahreszeit, die starke Abendthermik im Ennstal war schon zu spüren und knapp vor Niederöblarn hätte ich nochmal mit mindestens 1m aufkurbeln können.

Tat ich aber nicht denn leider stand dann direkt über Liezen ein großes Gewitter und zwang uns in 1500m über Platz zur Landung. Ich zog die Klappen und landete zügig vor dem Gewitter, dass es dann aber nicht mehr bis nach Aigen schaffte. Wir wurden dann am Platz von vielen Leuten empfangen, Papa kam mit Bier um anzustossen, die Libelle und die ASW wurden ungeputzt in die Halle gestellt – »Geputzt und versorgt wird Morgen« war die Devise.

Der Fazit für mich aus diesem, meinem bisher weitesten Flug:
– nicht aufgeben, auch wenn der Tag langsam beginnt, er kann sich sehr schnell entwickeln
– bei hoher Basis und schnellem Wetter kann auch mit der Libelle ein richtig guter Schnitt geflogen werden, über 4,5 Stunden bin ich einen Schnitt von 110 kmh geflogen.
– der thermische 1000er ist an einem guten Tag im Juni auch mit der Libelle möglich, man muss nur konsequent fliegen
– im guten Wetter einen Schenkel einbauen, nicht Abends im schlechteren Wetter

Hier noch die Links zum Flug:

Der Link zum Flug auf Skylines

Der Link zur OLC Tageswertung

Der Link zur SIS.AT Tageswertung


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Beste Bedingungen in den Ötztaler Alpen

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Blick Richtung Kaunertal, Ötztal und Brenner, der Weg ist super gezeichnet von richtig »Geilen Bummletten« 🙂

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Um die Ecke Richtung Engadin

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Am Flüelapass sieht man die labilere Luft Richtung Schweiz

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Unteres Engadin voraus!

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Absinkende Basis Richtung Davos

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Geht dahin knapp unter der Basis

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Oberes Engadin, schon beim Rückflug

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Vorne Andy, hinten Reschensee

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Blick in Richtung Inntal und Venetberg, die Ortschaften auf der Anhöhe sind Serfaus und Fiss

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Happy!

02

Gewitter in Liezen – ca. 1h vor Sunset

03

Abendstimmung beim Heimflug

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